Abenteuer auf Helgoland

Auf die Hochseeinsel Helgoland gibt es verschiedene Wege. Da ich ein Kind des Nordens bin, haben ich und mein Onkel für unser Camping-Abenteuer auf Helgoland die Route über Büsum gewählt. Es gibt zwei Möglichkeiten, auf die Insel zu gelangen: Per Schiff oder per Flugzeug – denn die Düne, wie die kleinere Insel genannt wird, die vor einigen Hundert Jahren vom Rest getrennt worden ist, hat auch einen kleinen Flugplatz. Von Büsum aus fährt man mit dem Schiff. Wenn es denn fährt! Denn als wir ankamen, stellten wir fest, dass das Wetter mehr als unbeständig ist. Innerhalb von wenigen Minuten kann sich das Wetter von bestem Sonnenschein in schlimmsten Platzregen verwandeln, denn bei dem Wind, der in Büsum herrschte, konnte man das Wetter höchstens für die nächsten 20 Minuten vorhersagen – so schnell waren die Wolken, die eben noch am Horizont gewesen waren, bei einem und luden ihre nasse Fracht ab.

Und weil es so windig war, fuhr dann auch am nächsten Tag die Fähre nicht. Also sahen wir uns ein wenig mehr in Büsum um und versuchten am Tag darauf erneut unser Glück – mit Erfolg! Bei leichtem Wind und bestem Wetter für die Überfahrt gelang diese problemlos, was auf der unruhigen Nordsee durchaus nicht immer der Fall ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß...

Eine ganz besondere Insel

Gleich nach unserer Ankunft am Zeltplatz auf der Düne unternahmen wir eine Umrundung dieser Nebeninsel. Schon in diesem Moment wurde uns beiden klar: Das würde ein tolles Abenteuer werden! Denn was wir sahen, war für uns kaum begreiflich. Nie im Leben hatten wir mit solchen Zahlen an Tieren, nämlich an Kegelrobben und Seehunden, gerechnet! An die 400 Stück zählten wir bei diesem einen Spaziergang.

Und auch das, wovon mein Onkel Fritz mir schon vorher berichtet hatte, erlebten wir nun: Seehundbabys, die Heuler, heißen nämlich deshalb so, weil die Kleinen mit ihrem Geheul nach ihren Eltern rufen. Doch auch erwachsene Robben verständigen sich auf eine ähnliche Weise. Und diesen – diesen Gesang, denn für ein Geheule klingt es zu differenziert –, den bekamen wir an diesem Tag das erste Mal zu hören. Und von da an schliefen wir jeden Abend mit diesen Tönen im Ohr ein, und wachten morgens dazu auf. Toll war auch, dass wir eine Biologiestudentin kennenlernten, die zur Vogelbeobachtung auf der Insel war und uns unheimlich viel über die Tierwelt berichten konnte!

Die Insel an sich ist übrigens nicht nur für ihre Tierwelt bekannt: So war sie zum Beispiel im Ersten und im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Seefestung für Deutschland und wurde deshalb oft als ein "Gibraltar des Nordens" bezeichnet. Doch auch heutzutage gibt es noch einige Besonderheiten. Denn auf der Insel darf man ohne besondere Genehmigung kein Fahrrad benutzen, und außer Treckern von Landwirten oder Feuerwehrautos sind nur Elektroautos zugelassen!

Ein Zelt im Sturm und die Mäusekönigin

War es bei unserer Ankunft noch schön, so schlug das Wetter nach einigen Tagen um, und ein starker Wind mit etwas Regen kam auf. So stark, dass die Fähre zum Festland für zwei Tage nicht fahren konnte – doch das scherte uns ja nicht, wir wollten ja bleiben! Wir waren also gerade auf der Hauptinsel und sahen uns etwas um, als Fritz einen Anruf vom Campingplatz erhielt: Wir sollten uns schnellstmöglich wieder herüber begeben, der Nachbar habe noch gerade so unser Zelt vor dem Wegfliegen bewahren können! Also machten wir, dass wir auf die Fähre kamen, die zwischen den Inseln hin- und herfährt, und waren bald vor Ort. Der Wind hatte sich gedreht und stand nun genau auf unseren Zelteingang; kein Wunder, dass selbst die paar Sandhaken, die wir hatten, dagegen nichts ausrichten können. Was nun?

Als erstes mussten wir das Zelt sichern. Also suchten wir schwere Steine und legten sie auf die Sandhaken, die wir zudem umsteckten, um dem gedrehten Wind Widerstand leisten zu können.
Danach wussten wir nicht so recht weiter. Dann jedoch hatten wir eine abenteuerliche Idee: Wir suchten nach einem Platz für das Zelt, der gegen die gefährlichsten Windrichtungen abgeschirmt wäre. Sobald wir einen gefunden hatten, nahmen wir die schweren Rucksäcke aus dem Zelt heraus, lockerten die Zeltstangen und – schleppten das ganze Bündel zu zweit die etwa hundert Meter zum neuen Platz. Dort bauten wir es dann wieder auf und hatten die restlichen Tage unsere Ruhe... Dachten wir!

Denn unser größtes Abenteuer sollte noch auf uns warten.
Eines Nachts wurde ich von einem Geräusch aufgeweckt. Es klang so, als würde etwas ums Zelt streifen. Ein Vogel vielleicht? Die hatten schon tagsüber manchmal recht gierig auf mich gewirkt. Oder war das der Wind? Jedenfalls war das Geräusch sehr nahe und recht laut, und ich zupfte etwas an der Zeltplane herum, um einem eventuellen gefiederten Interessenten davon zu überzeugen, dass wir nicht schmecken. Das Geraschel hörte nach einiger Zeit auf, ich dachte mir weiter nichts dabei und schlief wieder ein.

Am nächsten Tag sagten uns unsere Nachbarn, sie hätten eine Maus im Zelt gehabt. Wir sahen nach, fanden bei uns aber kein Loch im Zelt. Alles gut gegangen.
Am letzten Tag dann wollten wir uns unser gutes helgoländer Brot schmecken lassen. Wir nahmen also unseren Frühstücksbeutel, setzten uns an eine schöne Stelle, nahmen das Brot heraus – und dann die Enttäuschung: Das Brot war angeknabbert worden! Offensichtlich hatte es eine Maus geschafft, sich durch den Zeltboden und den Stoffbeutel und die Brottüte bis in das Brot hinein zu futtern. Die hatte vielleicht gesunde Zähne, sage ich euch!

Als wir später alles zusammenpackten, wies uns unsere Freundin, die Biologiestudentin, darauf hin, dass wir nicht ein Loch, sondern zwei im Zelt hatten. Unglaublich. Das konnte nur, da waren wir uns einig, die fiese Mäusekönigin gewesen sein! Zuerst hatte sie einen Späher vorgeschickt und dann, als die Gelegenheit günstig war, höchstpersönlich zugeschlagen.

Die "Lange Anna"

Helgoland ist gerade unter Naturliebhabern für seine reichhaltige Tierwelt berühmt. Viele Hochseevögel, aber auch andere Zugvögel finden sich auf ihrer Reise auf der Insel ein. Besonders der Lummenfelsen und gleich daneben die "Lange Anna" sind beliebte Ausflugsziele. Die Saison war schon fast vorüber, doch als wir auf dem Helgoländer Oberland die Runde machten und auf dem Weg mehr über die Historie der Insel lernten, hörten wir etwas, das Fritz wieder als Gesänge bezeichnete. Ich nannte es Geschrei. Es klang so, als würden sich 1000 besonders lungenkräftige Möwen streiten. Und als wir näher an die "Lange Anna", den berühmten Lummenfelsen der Insel, kamen, nahmen wir diese Vögel auch olfaktorisch wahr: Es waren so viele, und sie waren schon so oft dort gewesen, dass man ihren Kot aus einigen Hundert Metern Entfernung riechen konnte.

Das Schauspiel, das uns nun erwartete, ist fast unbeschreiblich. So ein Durcheinander ist selbst in menschlichen Großstädten selten! Alles kreischte, flatterte und segelte durcheinander, und das alles so nah, dass man, nur abgetrennt durch einen Drahtzaun, direkt dahinter die Vögel beobachten konnte. Im Herbst, als wir dort waren, verblieben nur noch die Basstölpel auf der Insel, und die veranstalteten jetzt ein unheimliches Spektakel für uns. In all dem Aufruhr konnte man jedoch durchaus auch einige zärtliche Szenen beobachten, die ich mit der Kamera festhielt.

Ein sofort ersichtliches Problem war die Vorliebe der Tölpel für ungewöhnliches Nistmaterial. Überall versuchten die Vögel, es sich auf Resten von Fischernetzen aus Plastik bequem zu machen, und am Ende unserer Reise sahen wir bei der schönsten Farbstimmung der untergehenden Sonne, dass einer der noch schwarz gefärbten Jungvögel sich in einem verheddert hatte und so zu Tode gekommen war. Dieser Anblick ist mir tief ins Gedächtnis eingebrannt, und immer, wenn ich an die Schönheit der Natur auf dieser unvergleichlichen Insel denke, denke ich auch an unsere Verantwortung als Menschen im Umgang mit dieser Natur.

Die Bilder von der Reise: Reisen – Helgoland

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Fritz (Dienstag, 26 März 2019 18:45)

    Bilder erwecken Sehnsucht. Text macht Spaß.

  • #2

    Borg (Dienstag, 26 März 2019)

    Danke für diesen anschaulichen und spannenden Bericht über euer Helgolandabenteuer.

  • #3

    Tom (Montag, 08 April 2019 21:12)

    Ihr Lieben! Vielen Dank für eure Kommentare, ich habe mich sehr gefreut!

  • #4

    Marco (Mittwoch, 14 August 2019 20:11)

    Einfach nur Wow �