Ideenproduktion vs. Perfektion

Ideen zu produzieren, ist ein wichtiger Teil der Arbeit eines Fotografen (und generell jeden Künstlers). Doch was ist wichtiger – schnell Inhalte oder Werke als Ideen zu teilen, oder diese wirklich auszuarbeiten? Hier meine Gedanken dazu.

Das Andrew-Huang-Problem

Andrew Huang ist ein YouTube-Musiker, der unheimlich kreative Sachen mit Loopmaschinen und modularen Synthesizern erstellt. Er hat schon Songs in unter einer Stunde geschrieben und dient mir immer wieder als Inspiration, wenn es darum geht, unter Zeitdruck gute Ideen zu produzieren.

In seinem Video "Andrew Huang: Hacking Jazz" hat er davon gesprochen, dass er oft Ideen nicht bis zur Perfektion durcharbeitet, sondern lieber mehr Ideen umsetzt und diese dann im "rohen" Zustand mit anderen teilt. Gerade in der heutigen Zeit, wo man Ideen schnell und verhältnismäßig einfach kommunizieren kann, ist es für mich gut nachvollziehbar, wenn Kreative sich auf den Austausch von Ideen mit anderen konzentrieren wollen.
So legen sie auch mehr von ihrem kreativen Prozess und ihrem Wissen offen, und können sich leichter von anderen Inspiration und Tipps einholen, wenn sie es möchten.

Teile des kreativen Prozesses

Auch dann, wenn man das Ausarbeiten einer im Grunde fertigen Idee als Teil des kreativen Prozesses ansieht, ist diese Phase doch meist eher langwierig (nicht langweilig!), geordnet und technisch, während die Ideenfindung oft chaotisch, schubartig und roh aussieht.

So sagt etwa Feng Zhu, ein Concept Artist, der die FZD (Feng Zhu Design School) gegründet hat (und von dem ich hier bereits einmal kurz sprach), er könne nicht länger als wenige Stunden lang konzentriert Ideen produzieren, doch diese ausarbeiten und aufhübschen, das mache er oft zehn Stunden am Stück – er schalte einfach sein Gehirn aus und male, weil an dem Punkt alles nur gestalterische Technik auf Autopilot sei.

Vorteile einer ideenbasierten Herangehensweise

Wer sich – wie Andrew Huang oder Feng Zhu – darauf spezialisiert, Ideen schnell zu entwickeln, muss nicht zwangsläufig an der Qualität sparen. Im Grunde spricht sogar sehr viel dafür, seine Arbeiten schnell auf einen guten Qualitätsstandard zu bringen! Auf diese Weise hat man nämlich bei jedem Arbeitsschritt ein präsentables Ergebnis. Das ist mit dem Ansatz der beiden Künstler, schnell Ideen produzieren zu wollen, auf jeden Fall sehr gut machbar.

Insgesamt waren die bei Tag aufgenommenen Bilder mir oft nicht spannungsreich genug, sodass ich mich von diesem Punkt an darauf verlegte, ausschließlich bei Nacht zu fotografieren. Für die Technik, die ich verwendete, musste der Hintergrund dunkel sein und der Vordergrund musste eine zusätzliche Lichtquelle aufweisen, damit im Bild eine Leuchtspur von der Bewegung sichtbar werden konnte.

Die Mischung macht's

Andererseits ist es vielleicht auch interessant, die Idee zu Anfang eher skizzenhaft und suggestiv zu "formulieren" (im jeweiligen Medium), da man auf diese Weise den Ideenfindungsprozess verlängern/verschieben kann. Anstatt eine Skizze bis zur Vollendung als Linienzeichnung zu bearbeiten und diese dann als Vorlage für ein Gemälde zu nutzen, könnte man alternativ gleich in der rohen Form die Skizze übermalen und so noch mehr von der anfänglichen Dynamik erhalten.

Für Künstler wie Andrew Huang sind diese zwei kontrastierenden Standpunkte – der ideenbasierte und der Weg zur Vollendung – einfach Werkzeuge oder Methoden, die er je nach Bedarf einsetzt, um seine Musik innerhalb der vorgegebenen Zeit auf einen publizierbaren Stand zu bringen. Selbst bei längeren Projekten, so ist mein Eindruck, tendiert er dabei immer zur erstgenannten Methode. Jedoch ist es kaum möglich, sie klar voneinander abzugrenzen.

Das oben erwähnte ungleiche Verhältnis zwischen konzentrierter Ideenfindung und entspannter Vollendung könnte man auch nutzen, um mehrere Ideen am Stück zu produzieren und dann alle hintereinander weg auszuarbeiten. Ich habe das schon ausprobiert, und für mich funktioniert es gut, weil meine Kreativität von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist. Klar kann ich mittlerweile halbwegs in einen Modus umschalten, in dem ich brainstorme und konzentriert Ideen produziere, aber es fällt mir viel leichter, wenn ich in der richtigen Stimmung dafür bin.

Bedeutung dieser Überlegungen für die Fotografie

In der Fotografie liegen die zwei Zustände – der der präsentablen Idee und der des ausgearbeiteten Werkes – meiner Meinung nach recht nah beieinander. Denn um eine Idee richtig fotografisch zu präsentieren, muss man zwei Dinge schaffen: Man muss

  • ein technisch gutes Foto machen und
  • in diesem Foto eine Idee gut präsentieren.


Man kann auch mit einer technisch schlechten Fotografie eine Idee gut darstellen, aber künstlerisch wertvoll wird die Darstellung erst durch die volle Kontrolle über den kreativen Prozess.

Gleiche Methodik, unterschiedliche Arbeitsverteilung

Der Fotograf durchläuft also, wie ein Maler, Musiker oder sonstiger Künstler, insgesamt drei Phasen bis zur Vollendung eines Werkes:

  1. Konzeptualisierung/Ideenfindung
  2. Erstellung einer Skizze/Rohversion
  3. Bearbeitung bis zur Vollendung


Der Unterschied zum Ablauf bei z.B. einem Maler ist, dass die Skizze oder Rohversion in der Fotografie generell deutlich näher am Endergebnis liegt, als in der Malerei.

Das liegt einfach in der Natur der Fotografie, die, im Gegensatz zur Malerei, (heutzutage) mit Beendigung der Belichtung ein im Grunde fertiges Abbild des fotografierten Objektes liefert.
Im Grunde sage ich deshalb, da Fotografen im dritten Schritt sehr unterschiedliche Meinungen dazu haben, wie sehr man ein Foto bearbeiten sollte bzw. wann es wirklich fertig ist.

Zum Beispiel würde das, was ich als fertig bearbeitetes Foto betrachte, von manch anderem Fotografen vielleicht als fortgeschrittene Ideenskizze gesehen werden; ich wiederum bin der Meinung, dass viele Fotografen ihre Bilder übermäßig bearbeiten. Denn genau so, wie in der Malerei oft (bei Ungeübten wie mir) die Dynamik der ersten Skizze verloren geht, besteht auch hier die Gefahr, einen spontanen Moment zu übertünchen.

Fazit

Wer als Fotograf (und das sind wir heutzutage fast alle auf eine Weise) eine Idee teilen will, kann beispielsweise direkt beim Import seine Fotos mit einem Preset versehen, das alle übertragenen Bilder automatisch grundlegend bearbeitet und so für die Präsentation fertig macht. Das geht enorm schnell und hilft dabei, seine Ideen und Eindrücke mit anderen zu teilen. Auf der anderen Seite kann man, wenn man ausreichend Zeit und Überlegung in die Nachbearbeitung investiert, seine Fotografie auf ein ganz neues Niveau heben.

Gleichzeitig muss man sich aber auch vor Augen halten, dass letztendlich nichts wirklich bis zum letzten Detail perfekt werden kann, sondern man selbst entscheiden muss, wann man fertig ist. Es gibt immer noch etwas zu verbessern.

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